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ChemKom

Ausbildung der Kompetenzen für erfahrungsgeleitetes Arbeiten in der chemischen Industrie




Ausgangsfrage


Moderne Produktionsprozesse werden zunehmend durch elektronische Prozessleitsysteme überwacht und gesteuert.

Wird in solchen hochautomatisierten Unternehmen bzw. Arbeitsbereichen die spezifische menschliche Arbeitskraft durch diese Technologien (völlig) ersetzbar oder spricht etwas für die gegenteilige Vermutung, dass nämlich gerade in solchen hochkomplexen Prozessen so etwas wie ein über herkömmliches Fachwissen hinausgehendes, menschliches "Erfahrungswissen" benötigt wird?

Gilt die Vermutung, dass solches "Erfahrungswissen" noch - und ggf. sogar eine zunehmende Rolle spielt, müssten "Erfahrungswissen" und "Erfahrungsfähigkeit" dann nicht unabdingbarer Bestandteil beruflicher Erstausbildung (hier: in der Berufsausbildung ChemikantIn) werden?

Worin aber besteht und woraus entsteht "Erfahrungswissen", worin unterscheidet es sich von Fachwissen?

Ist es - gerade unter Bedingungen reduzierter Möglichkeiten des Erwerbs von Primärerfahrungen - überhaupt (noch) lernbar und in berufliche Ausbildung integrierbar?


Vorgehensweise


Durch Arbeitsplatzanalysen (leitfadengestützte Interviews, die auf dem Konzept des "subjektivierenden Arbeitshandelns" basieren), wurde bei erfahrenen Fachkräften/Anlagenfahrern erhoben, welche Bedeutung dem "Gefühl" und "Gespür" für Anlagen und Prozesse in der Arbeitstätigkeit zukommen und wie sich diese Fähigkeiten konkreter fassen und beschreiben lassen.

Wie lassen sich diese Befunde (s. Ergebnisse, Arbeitsstand) berufspädagogisch umsetzen und an die verschiedenen Lernorte der Ausbildung transferieren?


Zielgruppe


Erfahrene Anlagenfahrer (Chemikanten), - Auszubildende der Fachrichtung ChemikantIn, - verfahrenstechnische und chemische Ausbilder in hauptberuflicher Ausbildungsfunktion und Ausbildungsbeauftragte wie nebenberufliche Ausbilder in Produktionsbetrieben


Ergebnis- /Arbeitsstand


"Erfahrungswissen" entsteht, so die traditionelle Sicht, in jahrelangen formalen und vor allem auch in informellen Lernprozessen und wird daher weitgehend unsystematisch erworben. Die Kategorie "Erfahrung" ent- und besteht jedoch - so unsere Position - wesentlich daraus, nicht nur einmal erworbenes "altes" Erfahrungswissen anzuwenden.

Wir verstehen darunter vielmehr die Fähigkeit, neuen und sich verändernden Situationen erfahrungsoffen zu begegnen. In diesem Prozess des Erfahrung-Machens suchen die Arbeitenden aktiv Erfahrungsgelegenheiten und lassen sich in ihrem Handeln situativ von jenen "Erfahrungsfähigkeiten" leiten, die sich näher beschreiben lassen als Fähigkeiten zu

a) komplexer Sinneswahrnehmung,
b) assoziativem Denken,
c) dialogisch-explorativem, herantastendem Handeln und
d) einer durchaus affektiven "Beziehung" zu den Arbeitsgegenständen.

Diese vier Komponenten eines "erfahrungsgeleiteten Arbeitshandelns" können nicht gelehrt, aber erlernt werden. Das bisher entwickelte Ausbildungskonzept setzt daher auf individuelle, aktive Wege des Erschliessens von Anlagen und Prozessen, auf die Ausbildung und Nutzung der Sinneswahrnehmungen, die Betonung von Primärerfahrungen, die schrittweise Verbindung konkreter Gegebenheiten mit abstrakten Daten und Darstellungen an Prozessleitsystemen und in Leitwarten, sowie auf eine realitätsnahe Einschätzung im Umgang mit den Unwägbarkeiten hochkomplexer technischer Systeme.

In diesem Sinne wurden bisher wesentliche Ausbildungselemente im Berufsbildungswerk umgestaltet und begleitende Massnahmen (z.B. Übungen) entwickelt und erprobt. Für den (schwierigen) Transfer in die betrieblichen Ausbildungssituationen wurden Handreichungen (Arbeitsaufgaben) für die Auszubildenden selbst wie für die betrieblichen Ausbilder entwickelt und sog. Auswertungstage für die betrieblichen Ausbildungsphasen eingerichtet.

Entwickelt und erprobt wurden Elemente der Ausbilderqualifizierung zum "Erfahrungsgeleiteten Arbeiten und Lernen". Der Modellversuch wird begleitet von kontinuierlichen Evaluationen der Auswirkungen des neuen Lernkonzepts und von (auch unternehmensexternen) Verbreitungsaktivitäten (Übertragung auf Prozessindustrien, auch Dienstleistungssektor).



Projektpartner

  • Modellversuchsträger: Wacker Chemie GmbH, München, Berufsbildungswerk (BBiW) Burghausen
  • Wissenschaftliche Begleitung: Institut für sozialwissenschaftliche Forschung e.V. (ISF), München
  • Berufspädagogische Begleitung: GAB Gesellschaft für Ausbildungsforschung und Berufsentwicklung GbR, München
  • Fachbetreuung: Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Dr. D. Lennartz


Veröffentlichungen

(aus dem Modellversuch)
  • H. G. Bauer / F. Böhle / M. Brater / C. Munz / S. Pfeiffer (1997): Ausbildung der Kompetenzen für erfahrungsgeleitetes Arbeiten in der chemischen Industrie. 1. Zwischenbericht. München und Burghausen
  • H. G. Bauer / F. Böhle / C. Munz / S. Pfeiffer (1998): "Erfahrung-Machen" als Methode. In: berufsbildung, 51. Jhrg., Heft 51, S. 32 ff.
  • H. G. Bauer / F. Böhle / C. Munz / S. Pfeiffer (1998): Ich streichle nicht grad die Rohre, aber ... Zum Modellversuch "Entwicklung von Kompetenzen für erfahrungsgeleitetes Arbeiten". In: e & l erleben und lernen. Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen, 6. Jahrgang, H. 3/4, S. 4 ff.
  • H. G. Bauer, S. Pfeiffer (1998): The Increasing Importance of Experiential Learning Under Conditions of High Technology.
  • Paper presented at "6th International Conference on Experiential Learning" der ICEL (International Consortium for Experiential Learning), Tampere/Finnland, 07/1998
  • C. Munz: (1998): Ausbildung der Kompetenzen für erfahrungsgeleitetes Arbeiten in der chemischen Industrie.
  • In (Hrsg.: Senatsverwaltung für Arbeit, Berufliche Bildung und Frauen): Kompetenz, Dienstleistung, Personalentwicklung. Welche Qualifikationen fordert die Arbeitsgesellschaft der Zukunft? Reader zum Fachkongreß, 12/1998, Berlin
  • H. G. Bauer, C. Munz, S. Pfeiffer (1999): Erfahrungsgeleitetes Lernen und Arbeiten als Methode und Ziel. In: berufsbildung, Heft 57, S. 8 ff. H.
  • G. Bauer, C. Munz (1999):Erfahrung-Machen als Methode - ein neues Konzept für die Berufsbildung in rechnergestützten Arbeitssituationen am Beispiel der Chemikanten-Ausbildung. In: Tagungsband zur 11. HGTB-Fachtagung "Mensch-Maschine-Interaktion - Arbeiten und Lernen in rechnergestützten Arbeitssystemen in Industrie, Handwerk und Dienstleistung". Rostock
  • H. G. Bauer, F. Böhle, C. Munz, S. Pfeiffer: Erfahrungsgeleitetes Arbeiten und Lernen. In: P. Dehnbostel, W. Markert, H. Novak (Hrsg.) (1999): Erfahrungslernen in der beruflichen Bildung (in Vorbereitung)



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Projektlaufzeit

Februar 1996 bis Mai 2000

Finanzierung


Gefördert durch das Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Technologie, FKZ: D 0681.00

Projektbeteiligte


Hans G. Bauer
Prof. Dr. Michael Brater
Claudia Munz

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