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Beruf und Biographie

M. BraterM. Brater
Prof. Dr. Michael Brater


Berufswahl als Lebensabschnittsentscheidung



Berufswahl als Willensentscheidung

Beruf und Identität

Arbeit und Einkommen

Neue Grundkompetenzen

Biographiekonforme Berufstätigkeit



Aus der Einleitung:


"Abgesehen von dem wenigen, was ein junger Mensch heute von der Berufstätigkeit seiner Eltern mitbekommt, und abgesehen auch von gelegentlichen Ferienjobs oder auch einmal einer Schnupperlehre, beschäftigt er sich heute in aller Regel zum erstenmal ernsthaft mit dem Beruf, wenn die letzten Schuljahre herannahen und mit ihnen die Frage: „Was mache ich nach der Schule”?

Diese immer noch so genannte „Berufswahl“ stellt sich in den allermeisten Fällen heute als ein recht quälendes Problem dar: Soll ich studieren oder nicht? Soll ich weiter zur Schule gehen? Soll ich ein Handwerk lernen und wenn ja, welches? Oder vielleicht lieber einen kaufmännischen Beruf? Oder doch Lehrer werden? Oder was Soziales machen? Wählen kann man unter rund 430 Ausbildungsberufen, etwa 290 geregelten Ausbildungsgängen an Berufsfach- und Fachhochschulen und etwa 150 Berufen, die über ein wissenschaftliches Studium zugänglich werden. Bei diesen Zahlen handelt es sich nur um die Berufe mit einigermaßen klar geregelten Berufsbildern – hinzu kommen noch mehrere hundert berufliche Tätigkeitsfelder ohne eine solch klare Regelung, zu denen ständig neue hinzukommen und von denen auch relativ schnell wieder etliche verschwinden.

Zwischen all dem kann man sich – muß man sich – frei entscheiden, und trotz aller Informationshilfen, die es dafür heute gibt, fällt das nicht leicht; eher im Gegenteil, denn je besser man über die Vielfalt der Berufe informiert ist, desto schwerer fällt diese Entscheidung: Zum einen, weil die Auswahl größer wird, zum anderen, weil man sehr schnell die Erfahrung macht, daß es kaum einen ldealberuf gibt, sondern daß in jedem Beruf Vor- und Nachteile gut gemischt sind, vor allem aber, weil man gar nicht weiß, nach welchen Kriterien man denn „seinen” Beruf wählen soll: Nach dem, was man gut kann, wozu man begabt ist? Oder nach dem, was einen besonders interessiert? Oder nach Gesichtspunkten wie Sicherheit und Aufstiegschancen? Oder einfach danach, ob einem die spätere Tätigkeit gefällt? Oder danach, ob der Ausbildungsplatz gut erreichbar ist? Zwar sagen einem die meisten Berufsbezeichnungen ziemlich wenig, aber wer weiß, vielleicht wäre ja gerade einer von diesen unbekannteren Berufen der für mich richtige?

Die schwierigen biographischen Entscheidungsprobleme bei der Berufswahl sind ein geschichtlich neues Phänomen; so richtig uneingeschränkt kennen wir sie erst seit den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts. Davor – in der Nachkriegszeit, aber auch zwischen den beiden Weltkriegen – handelte es sich weniger um eine Berufswahl als eine Berufssuche, bei der man meist das nehmen mußte, was man überhaupt bekommen konnte. Das heißt, trotz auch damals rechtlich weitgehend freier Berufswahl nahmen einem äußere – wirtschaftliche, soziale – Einschränkungen viel von der Qual der Wahl ab. Geht man weiter zurück, stößt man – wiederum trotz formeller Berufswahlfreiheit – auf eine außerordentliche hohe Rate sozialer „Berufsvererbung“: Söhne von Ärzten wurden auch wieder Ärzte, von Juristen wieder Juristen, und auch Berufe wie der des Bergmanns blieben über viele Generationen fest mit einer Familie verbunden. Da brauchte man nicht zu wählen, da ergab sich der Beruf aus der Familientradition (was etwa bei Beamten bis heute noch weiterwirkt, ferner auch überall dort, wo es der Wunsch des Vaters ist, daß eines seiner Kinder „das Geschäft weiterführt“). Geht man noch etwas weiter zurück, etwa ins 18., 17. Jahrhundert, also in die Zeiten vor der Gewerbefreiheit, dann stößt man auf eine völlig andere Welt: Da gab es nicht nur eine soziale Berufsvererbung, sondern da war sie im Zunftwesen auch rechtlich festgeschrieben, zumindest für einen Teil all jener Kinder, deren Väter einer Zunft angehörten. Sie durften gar nicht aus den beruflichen Fußspuren ihres Vaters heraus, sondern waren auf ihren Stand und ihr Gewerbe festgelegt. Die Qualen der Berufswahl waren damals jedenfalls unbekannt (denn auch Kinder aus nicht zünftigen Kreisen blieben lebenslang auf diesen Stand festgelegt). Die wohl auf Luther zurückgehende Deutung des Berufs als „Berufung” meinte übrigens genau diese ständische Bindung (und nicht, wie man heute manchmal denkt, den „inneren Ruf”).

Das Grundrecht auf freie Berufswahl ist also keine Selbstverständlichkeit, sondern es mußte schwer erkämpft werden und ist eng an den gesellschaftlichen Aufstieg des Bürgertums gebunden. Aber nun, da es praktisch ohne Einschränkungen verwirklicht ist (nachdem auch die meisten sozioökonomischen und soziokulturellen Bildungs- und Zugangsbarrieren gefallen sind), wird es von den meisten jungen Leuten keineswegs begeistert begrüßt, sondern sehr oft als schwere Last empfunden: sich frei entscheiden zu können, bedeutet eben auch, sich frei entscheiden zu müssen, d. h. aus sich selbst heraus einen Entschluß fassen zu müssen, der einem durch nichts und niemanden von außen abgenommen wird.

An der Berufswahl kann der junge Mensch erleben, daß Freiheit ihre zwei Gesichter hat: Von äußeren Regulierungen und Zwängen befreit zu sein, eröffnet viele neue individuelle Entwicklungschancen, aber nur dann, wenn sie auch ergriffen werden, und das ist mit Mühe, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit verbunden; sich entscheiden zu können, heißt auch, sich entscheiden zu müssen, und zwar ohne den Halt äußerer Regeln und Vorgaben. Das ist keineswegs immer angenehm (so sehr man sich auch gegen die äußeren Festlegungen wehren würde), denn man muß nun aus dem eigenen individuellen Willen etwas setzen, was früher einfach gegeben, fraglos, dem einzelnen abgenommen war und seinem Leben eine klare Richtung verlieh. (...)"



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Beruf und Biographie, M. Brater

Verlag: Gesundheitspflege initiativ
Ort: Esslingen
Jahr: 1998
ISBN: 978-3932161179
Auflage: 1. Auflage
Preis: 7,50 EUR

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